Tempo-30-Zonen in allen Wohngebieten der Stadt ausgewiesen
In den letzten Jahren wurden im Stadtgebiet alle Wohngebiete zu Tempo-30-Zonen erklärt. Sowohl in der Kernstadt als auch in den 12 Stadtteilen soll damit unter anderem die Wohnqualität verbessert werden.
Warum die zulässige Höchstgeschwindigkeit von maximal 30 km/h eingehalten werden muss, erklärt nachfolgender Text.
Mit dem Thema hat sich der Kirchhainer Bürger Dr. rer. nat. Werner Kuhlmann beschäftigt und uns nachfolgende Erläuterung zum Veröffentlichen überlassen, was wir an dieser Stelle gerne und dankbar tun.
Zur Erklärung, warum ein maximales Tempo von 30 km/h in Wohngebieten strikt eingehalten werden muss, werden zwei Szenarien physikalisch erklärt:
Szenario 1 (Fahrt mit Tempo 50 km/h):
Ein Auto fährt mit 50 km/h durch ein Wohngebiet. Der Fahrer erkennt, dass 20 Meter vor dem Auto plötzlich ein Kind von der Seite auf die Straße springt. Der Fahrer reagiert so schnell er kann und hat innerhalb von optimistischen 1,5 Sekunden so auf die Bremse getreten, dass voller Bremsdruck aufgebaut wird (eine optimistische Sekunde für die Reaktionszeit und eine halbe für den Aufbau des vollen Bremsdrucks).
Was passiert, ist Folgendes
In den 1,5 Sekunden, die für die Reaktion und bis zur Wirksamkeit der Bremse vergehen, hat der Wagen 20, 8 Meter zurückgelegt (50 km/h = 13,88 m/s), das heißt, er hat das Kind schon angefahren. Der Wagen steht aber noch nicht. Die Bremse ist jetzt erst wirksam mit einer optimistischen Annahme von 9 m/s² für die Verzögerung (die modernen Autos mit Bremsassistent erreichen). Der Bremsweg aus der Geschwindigkeit 13,88 m/s bis zum Stillstand beträgt von diesem Moment an weitere 10,7 Meter, das heißt, das Kind ist nicht nur angefahren, sondern vollständig überrollt worden!
Die schrecklichen Folgen muss man nicht beschreiben. Und wenn das Auto sehr niedrige Bodenfreiheit hat, also ein Überfahren wie etwa von einem SUV unwahrscheinlich ist, und eine Masse von 1400 kg hat, wird das Kind durch die Masse des Wagens mit einer Impulskraft von 38864 Newton (kgm/s²), das sind ca. 3,9 Tonnen, und der dreifachen Erdbeschleunigung nach vorn geschleudert in der Annahme, dass es durch den Aufprall innerhalb einer halben Sekunde auf die Geschwindigkeit des in diesem Moment noch 13,88 m/s schnellen Wagens beschleunigt wird. Genauso schrecklich und auch wie beim Überrollen mit nur geringen Überlebenschancen!
Szenario 2 (Fahrt mit Tempo 30 km/h):
Ein Auto fährt mit 30 km/h durch ein Wohngebiet. Der Fahrer erkennt, dass 20 Meter vor dem Auto plötzlich ein Kind von der Seite auf die Straße springt. Der Fahrer reagiert so schnell er kann und hat innerhalb von optimistischen 1,5 Sekunden so auf die Bremse getreten, dass voller Bremsdruck aufgebaut wird (eine optimistische Sekunde für die Reaktionszeit und eine halbe für den Aufbau des vollen Bremsdrucks). Was passiert, ist in diesem Fall Folgendes: In den 1,5 Sekunden, die für die Reaktion und bis zur Wirksamkeit der Bremse vergehen, hat der Wagen nur 12,5 Meter zurückgelegt (30 km/h = 8,33 m/s), ist also noch 7,5 Meter von dem Kind entfernt, das inzwischen mitten auf der Fahrbahn herumspringt. Der Wagen steht auch hier noch nicht, aber die Bremse ist jetzt wirksam, auch hier mit der Annahme einer Verzögerung von 9 m/s². Der Bremsweg beträgt aus dieser Geschwindigkeit nur knapp 4 Meter (genau 3,86 m), das heißt, der Wagen kommt dreieinhalb Meter vor dem Kind zum Stehen und beide Beteiligte kommen mit dem Schrecken davon!
Diese Berechnungen von völlig realistischen Szenarien zeigen sehr deutlich, welch dramatischer Unterschied zwischen Tempo 30 km/h und Tempo 50 km/h besteht und sollte alle Autofahrer, die mehr oder weniger unbewusst fahren "wie üblich" betroffen machen und zu vorsichtiger Fahrweise ermahnen.
Anmerkung:
Für diejenigen, die nachrechnen wollen: Der Bremsweg errechnet sich aus dem Quadrat der Geschwindigkeit (in m/s), dividiert durch den doppelten Verzögerungswert (in m/s²).
Foto: Stadt Kirchhain


